Gespannte Aufregung herrschte am 4. März um 9.30 Uhr im großen Musiksaal der Integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried (IGMH). Kein Wunder, denn heute stand etwas Besonderes auf dem Stundenplan: ein intensives Kennenlernen von Schülern und Managern, deren Wege sich im Alltag kaum kreuzen würden.
Anlass des außergewöhnlichen Schulbesuchs war die Führungskräfte-Initiative „SEB macht Schule“. Damit möchte die Bank ihr Engagement für die Mentor Stiftung über die finanzielle Förderung hinaus ausweiten und ihren Mitarbeitern Gelegenheit geben, selbst aktiv zu werden. Für die Pilotveranstaltung in Mannheim tauschten insgesamt 37 SEBler aus verschiedensten Bankbereichen den Schreibtisch gegen die Schulbank. Auch Renate Bloß-Barkowski und Ian Lees waren dabei.
Die Veranstaltung am 4. März diente als „Schnuppertag“ zur Vorbereitung auf ein längerfristiges Mentoring-Programm im Rahmen des Projekts „Rebound“ (s.u.). Ziel war es herauszufinden, ob beide Seiten an einem Mentoring, also an der Begleitung eines Schülers durch einen Manager für mindestens ein Jahr, Interesse und Spaß haben.
Im Mannheimer Stadtteil Herzogenried, der als sozialer Brennpunkt gilt, leistet die IGMH beispielhafte Integrationsarbeit: An keiner anderen Schule in Baden-Württemberg schaffen so viele Jugendliche mit Migrationshintergrund ihren Abschluss. Von den rund 1.700 Schülern der IGMH lernten die SEBler 37 näher kennen. Die Jugendlichen stammen aus den Klassen neun bis zwölf aller Gesamtschulzweige und sind zwischen 15 und 20 Jahre alt.
Durch den Tag führten Henrik Jungaberle vom Universitätsklinikum Heidelberg, der in Kooperation mit der Mentor Stiftung Deutschland das Projekt „Rebound“ ins Leben gerufen hat sowie Andreas Zeuch von der Beratergruppe „Sinnvoll wirtschaften“. Los ging es mit einem Begrüßungsspiel. Viel Gelächter zeigte, dass das Eis schnell gebrochen war. Danach verteilten sich insgesamt zwölf Gruppen, bestehend aus jeweils drei Schülern und drei Managern, im gesamten Schulgebäude.
Es folgte der wichtigste Teil des Tages: das persönliche Kennenlernen. Jede Führungskraft hatte die Gelegenheit, mit den drei Schülern der Gruppe für jeweils 20 Minuten zu sprechen. Die Bankmanager gaben den Jugendlichen Einblicke in das Berufsleben, lernten die Interessen der Schüler kennen und erfuhren, was die Schüler bewegt. Darüber hinaus thematisierten sie anhand eines Leitfadens die Rolle von Schlüsselpersonen in ihrem Leben und besprachen die eigene Berufswahl beziehungsweise die Berufswünsche des Schülers.
Welche Bedeutung solche Kontakte haben können, erläutert Henrik Jungaberle: „Junge Menschen brauchen Bezugspersonen als wichtige Stützen für ihre Entwicklung. Dies können Familienmitglieder, aber auch Personen außerhalb der Familie sein. Auch die SEB Manager profitieren von einem Mentoring, indem sie verschiedene Lebenssituationen, Erwartungen und Begabungen von Jugendlichen kennen lernen und dadurch auch ihr Handeln im Umgang mit den eigenen Mitarbeitern besser reflektieren können.“
Im Anschluss an die Gespräche hatten Tandems aus je einem Schüler und einem Manager die Gelegenheit, über die Gespräche hinaus ihre Begegnung zu vertiefen. Gemeinsam gestalteten sie eine Maske – auf der einen Gesichtshälfte stellte der Jugendliche seine Wünsche an die Zukunft dar, auf die andere malte die Führungskraft ihre Wünsche für den Schüler.
Nach einer Mittagspause in der Schulmensa und der Verabschiedung der Jugendlichen folgte nachmittags ein Workshop für die Führungskräfte. Dieser diente vor allem dazu, die Eindrücke des Vormittags zu reflektieren. So berichtete beispielsweise Felix Staiger, Retail-Vertriebsleiter Südbaden: „Meine Schüler waren alle drei sehr unterschiedlich, dennoch hat sich mit jedem von ihnen ein intensives Gespräch entwickelt. Ich habe mich bewusst zurückgehalten und ganz auf die Jugendlichen eingelassen. Dabei habe ich viel mehr Spannendes erfahren, als ich erwartet hatte.“
Dem konnte Sabine Storch, Leiterin Planung & Analyse innerhalb der Retail-Vertriebs- und Produktsteuerung, nur zustimmen: „Die Schüler waren sehr offen und haben viel von sich erzählt. Ich selbst war in diesem Alter nicht so weit, mit jemand Fremden so offen und konkret über meine Zukunft zu sprechen. Die gemeinsame Gestaltung der Maske gefiel mir sehr, weil ich dabei eine Schülerin noch besser kennen lernen konnte.“
Auch Michael Boldt, Leiter Special Asset Management bei CRE, hat selbst nur wenig geredet: „Es war eine tolle Erfahrung, den Schülern ganz bewusst zuzuhören. Einige Dinge haben mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Ich halte Mentoring für sehr wichtig, damit die Jugendlichen sich selbst reflektieren können. Natürlich kann nicht jede Frage gleich beantwortet werden, aber vielleicht können wir beim Finden der Antwort helfen.“
Stefan Serret, Leiter Portfolio Management im Retail-Zentralbereich, wurde zunächst mit einer Frage überrascht: „Ein Jugendlicher fragte mich, ob wir das hier wirklich freiwillig machen. Ihn hat es anscheinend beeindruckt, dass wir uns diese Zeit für die Schüler nehmen. Alle drei Gespräche waren super spannend. Das schönste Erlebnis hatte ich mit einem eher schüchternen Schüler, der mir erst nicht in die Augen schauen konnte, sich nach einigen Minuten dann aber doch getraut hat.“
Interessante Erfahrungen machte auch Andrea Holtkamp: „Ich war wirklich erstaunt, welche tiefgehenden Gedanken sich die Jugendlichen über die Welt, ihre Familie und ihre Zukunft machen. Trotz ihrer klaren Vorstellungen haben sie aber auch viele Fragen, die sie ganz offen geäußert haben. Die Gespräche waren eine wunderbare Erfahrung für mich.“
Im Anschluss reflektierten die SEBler ihre persönlichen Wertevorstellungen und versuchten sich zu erinnern, welche Werte ihnen mit 17 Jahren wichtig waren. Außerdem diskutierten sie, ob und in welcher Form sie sich die längerfristige Begleitung eines Jugendlichen vorstellen könnten. Viele bekräftigten, dass sie ihr Engagement gerne als Mentor für einen Schüler fortsetzen würden.
Zum Abschluss des Tages fasste Renate Bloß-Barkowski ihre Eindrücke zusammen: „Die Veranstaltung hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich sehe an den vielen glücklichen Gesichtern, dass es Ihnen genauso geht. Jetzt sollten wir das Erlebte bewusst mit nach Hause nehmen, denn es kann uns helfen, die Beziehung zu unseren Mitarbeitern zu reflektieren und mehr Verständnis für deren familiäre Situation zu entwickeln. Um unseren gesellschaftlichen Auftrag wahrzunehmen und unsere Jugend intensiv zu unterstützen, sollten wir das Mentoring schon bald zu einem festen Baustein unserer Nachhaltigkeits-Initiative machen.“
Auch das Feedback der Schüler war sehr positiv, wie die Lehrerin Stefanie Breitner bestätigte: „Viele Jugendliche kamen am nächsten Tag sogar in dem Schweden-Sweater, den sie am Vortag bekommen hatten, zur Schule. Sofort wurde ich gefragt, wann denn nun das Mentoring starten würde.“
Die Jugendlichen müssen nicht mehr lange warten: Aufgrund des sehr positiven Feedbacks aller Beteiligten hat der Vorstand direkt nach der Veranstaltung beschlossen, so schnell wie möglich das Mentoring-Projekt zu starten. Außerdem ist noch ein weiterer „Schnuppertag“ im norddeutschen Raum geplant, um zusätzlichen Managern die Möglichkeit zu geben, für einen Tag „Mentor auf Probe“ zu sein. Termin und Ort werden noch bekannt gegeben.
Kastentext:
Die Mentor-Stiftung und das EU-Projekt Rebound
Mentor ist eine gemeinnützige Stiftung, deren Ziel es ist, Kinder und Jugendliche mit Hilfe von Präventionsprojekten vor Suchtgefahren zu schützen und ihre Entwicklung zu fördern. Die Organisation besteht seit 1994 und wird seit dreizehn Jahren vom SEB Konzern unterstützt. In Schweden und Litauen haben sich bereits zahlreiche Führungskräfte als Mentoren für Jugendliche engagiert.
Das Mentor-Projekt „Rebound“ ist ein so genanntes „Empowerment-Programm“ für junge Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren. Wichtigstes Ziel ist es, eigenständige und selbstverantwortliche Entscheidungen treffen zu lernen. Dabei geht es nicht nur um Alkohol und andere Drogen, sondern vor allem darum, eigene Stärken kennen zu lernen und auszubauen. Das Projekt ist medienbasiert: in Kurzfilmen konfrontieren sich Jugendliche mit „realen“ Situationen, die fundierte Entscheidungen erfordern. Durch strukturierte Selbstreflexionen sollen sie sich und ihre Bedürfnisse besser einschätzen lernen. Rebound ist ein Kooperationsprojekt mit der Universität Heidelberg und weiteren Forschungsinstituten. Projektleiter ist der Suchtpräventions- und Drogenforscher Dr. Henrik Jungaberle vom Universitätsklinikum Heidelberg, der auch „SEB macht Schule“ konzipierte. Die Führungskräfte-Initiative der SEB soll als langfristiges Mentoring ein wichtiger Bestandteil des Rebound-Projekts werden.
Sarah Wulle,
SEB AG
